Die Stiftung Genshagen – Zivilgesellschaftliches Engagement für einen transnationalen Dialog

Die Stiftung Genshagen – Zivilgesellschaftliches Engagement für einen transnationalen Dialog

Ein Interview mit Dr. Martin Koopmann

Ein Beitrag von Lorenzo Rutar / AG Politische Inhalte

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Gegründet wurde die Stiftung Genshagen 1993 als „Berlin-Brandenburgisches Institut für deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa.“ Seit 2005 agiert sie unter ihrem heutigen Namen. Zu Beginn diente die Einrichtung dazu, den deutsch-französischen Dialog in den neuen Bundesländern zu verankern, bezog dabei aber von Anfang an polnische Institutionen in ihre Arbeit ein. Von Beginn an agierte die Stiftung auch im Sinne des Weimarer Dreiecks. Dieses außenpolitische Dialogforum geht auf eine gemeinsame Erklärung der Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens zur Zukunft Europas vom 29. August 1991 zurück. In Weimar wurde damals ein Forum geschaffen welches nicht nur Polen, sondern alle neuen Demokratien im östlichen Europa an die Europäische Gemeinschaft heranführen sollte. Bis heute besprechen die drei großen Nachbarstaaten Frankreich – Deutschland – Polen, in der Mitte der Europäischen Union gelegen, ihre Außen- und Sicherheitspolitik in diesem Rahmen.

Am 17. März 2026 hatte ich die Gelegenheit, mich mit Herrn Dr. Martin Koopmann über seine Arbeit als Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Genshagen und Verantwortlicher für den Arbeitsbereich Europäischer Dialog – Europa politisch denken auszutauschen. Er hat die strategische Leitung der Stiftung inne, einschließlich ihrer Entwicklung im europäischen Stiftungs- und Institutsumfeld. Die Stiftung Genshagen konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die deutsch-französischen und deutsch-polnischen Beziehungen. Im Kontext des Weimarer Dreiecks stärkt sie Europa durch die Förderung kultureller Vielfalt, politischer Handlungsfähigkeit und wirtschaftlicher Dynamik.

Als Teil ihrer Kulturarbeit vergibt die Stiftung, zusammen mit dem Literaturhaus Villa Gillet in Lyon, jährlich den Franz-Hessel-Preis für zeitgenössische Literatur. Dieser Preis fördert meist unübersetzte Autoren aus Deutschland oder Frankreich mit dem Ziel, den literarischen Dialog zwischen den beiden Ländern zu vertiefen.

Den Dialog über aktuelle gesellschaftliche Themen mit europäischer Relevanz fördert die Stiftung mit mehreren jährlichen Projekten, beispielsweise der Veranstaltung „Der etwas andere Dialog“. Bei dieser deutsch-französisch-polnischen Abendveranstaltung werden aktuelle gesellschaftliche Themen diskutiert und von künstlerischen Installationen begleitet. Die wirtschaftliche Komponente steht zum Beispiel beim „Genshagener Wirtschafts- und Energiedialog“ im Fokus. Hier treffen sich hochrangige Akteur:innen insbesondere der Wirtschaft aus Frankreich, Deutschland und Polen in einem vertraulichen Gesprächskreis. Nationale Interessen werden besprochen, respektiert und im besten Fall überwunden hin zu gemeinsamem strategischem und nachhaltigem Handeln.

Nicht zuletzt ist die Nachwuchsförderung ein wichtiges Ziel der Stiftung Genshagen. Bei der jährlichen Sommerschule, die in Kooperation mit der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, der Sorbonne Université in Paris und einer polnischen Universität durchgeführt wird, bekommen Masterstudierende und Promovierende Gelegenheit, die politische Landschaft Berlins kennenzulernen und sich zu vernetzten.

Nachdem Herr Koopmann mir das Netzwerk der Stiftung Genshagen erläutert hatte, gingen wir zu inhaltlichen Fragen über. Insbesondere sprachen wir über die Geschichte des Weimarer Dreiecks.

Was sind Erfolge des „Weimarer Dreiecks“? Wie beeinflussen die „große Politik“ und das Verhältnis der drei am Weimarer Dreieck beteiligten Regierungen zueinander die Arbeit der Stiftung? Welchen Einfluss hat der Austausch über Außen- und Sicherheitspolitik der drei Staaten, vor allem in den letzten Jahren, auf Genshagen?

Die Beitritte Polens zur NATO 1999 und zur EU 2004 sind die zwei vordergründigen Erfolge der Initiative Weimarer Dreieck. Wirtschaftlich blieb das geeinte Deutschland, wie davor West-Deutschland, zunächst wesentlich enger mit seinem Nachbarland im Westen verbunden, und auch der kulturelle Austausch zwischen Institutionen und Schulen profitierte von dem seit den 1960er Jahren gewachsenen Netzwerk zwischen Deutschland und Frankreich. Nur langsam und dank der Initiative zivilgesellschaftlicher Einrichtungen wie der Stiftung Genshagen gelang es, ein ähnliches Netzwerk mit dem Nachbarland im Osten, Polen, aufzubauen. Bis heute ist der polnisch-französische „Schenkel“ des „Weimarer Dreiecks“ der schwächste geblieben, und Deutschland fungiert häufig als Vermittler.

Nach dem EU-Beitritt Polens am 1. Mai 2004 gab es weiter regelmäßige trilaterale Treffen der Außenminister:innen der drei Mitgliedsstaaten. Große politische Ziele wurden indes nicht mehr benannt. Umbrüche auf der Regierungsebene, wie der Regierungsantritt der rechtsnationalen Partei „Prawo i Sprawiedliwość“ (PiS) 2005 in Polen oder ihr erneuter Wahlerfolg 2015, beeinträchtigten die trilaterale Arbeit der Länder stark. Die Treffen zwischen hohen Regierungsbeamten wurden seltener und eher aus symbolischem als aus inhaltlichem Interesse abgehalten. Auf der zivilgesellschaftlichen Ebene reagierten die Akteur:innen indes anders: Die polnischen Partner:innen zogen sich nicht zurück, so Herr Koopmann, sondern suchten noch stärker als zuvor den Austausch und die Zusammenarbeit.

Seit dem Regierungsantritt Donald Tusks der europafreundlichen „Platforma Obywatelskaam“ am 13. Dezember 2023 haben die Treffen zwischen den Außenminister:innen und Staatschef:innen exponentiell zugenommen. Auf der Website der Stiftung Genshagen kann man im Weimarer-Dreieck-Portal die Ergebnisse dieser Treffen in Form gemeinsamer Erklärungen einsehen. Hier lässt sich zum Beispiel gut nachverfolgen, welche Absprachen die drei großen Länder in der Mitte der EU bezüglich der russischen Invasion der Ukraine seit Februar 2022, der Assoziierung mit Georgien oder auch der gemeinsamen Haltung im Grönlandkonflikt getroffen haben.

„Wir bauen im Weimarer Dreieck keine Luftschlösser,“ sagte mir Herr Koopmann. „Unser primäres Ziel ist die Vertrauensbildung. Vertrauen zwischen Regierungen und auch zwischen den Menschen. Damit Vorurteile abgebaut werden können.“

Die Zukunft des „Weimarer Dreiecks“ als außenpolitisches Forum ist ungewiss. Die EU steht vor einer Zerreißprobe und alle drei Regierungen des Dreiecks stehen unter hohem innenpolitischen, nicht zuletzt auch anti-europäischem Druck. Doch als Ort des zivilgesellschaftlichen Austauschs dient es weiterhin der Kooperation und dem Zusammenhalt – nicht zuletzt in Genshagen.

  1. Bildnachweis: Stiftung Genshagen ↩︎